Dirk Naberings "Komposition der Programme" : >Weg entsteht im Gehen< - >dass der Weg immer mehr ist, als das Ziel

Veröffentlicht auf von Traber/Becker

Damals - mit Karajan 1963
Damals - mit Karajan 1963

Zum 65.Geburtstag von Dirk Nabering spielten Pirmin Grehl, Heinz Holliger und Jörg Widmann ein Konzert mit Musikwünschen von Dirk Nabering: Werke aus dem 20. und 21. Jahrhundert. Ullo von Peinen las von Nabering ausgewählte Texte: Ernst Jandl, Alfred Brendel und Georg Kreisler. Komponisten und Autoren, die dem Jubilar in besonderer Weise nahe stehen. Im Programmheft schrieb ich: 45 Jahre hindurch hat Dirk Nabering die Freiburger Musik-Welt in seiner Eigenschaft als Veranstalter geprägt. Zahlreiche Musiker, deren Weggefährte er war, geben ihm 2012 das Geleit: Martha Argerich, Gidon Kremer, Radu Lupu, Viktoria Mullova, Heinrich und András Schiff, Heinz Holliger und Jörg Widmann in der Doppelrolle als Interpreten und Komponisten, und dann schießlich das einst von ihm in Berlin ins Leben gerufene Rosamunde Quartett.

Waren wohl Haydn und Mozart, im Besonderen doch aber Bach und Schubert, >seine Götter<, so sind es im Alltag eher Schumann, Mahler und Janácek gewesen, für die er sich rückhaltlos einsetzte. Das 20.Jahrhundert lag ihm am Herzen: Busoni, Berg, Webern, Ives, Wolpe, Rudi Stephan, Koechlin, Varèse, Pettersson, Scelsi, B.A.Zimmermann und Nono erscheinen in seinen Programmen regelmäßig, und wer hat denn, ausser ihm, bereits im Jahr 2001 einen eigenen Abo-Zyklus "Das 21. Jahrhundert" aufgelegt, in dem es Uraufführungen von Elliott Carter, Heinz Holliger, Michael Gielen, György Kurtág oder Jörg Widmann gab?

Umsichtige, liebevolle und fachlich überragende Dramaturgie und Planungsgeschick, Herzblut mit Kenntnisreichtum, Mut und veranstalterische Leidenschaft wurden ihm von Künstlern, Veranstalterkollegen und von seinen Zuhörern attestiert. Sein Intendant der Berliner Festspiele, Ulrich Eckhardt, formuliert es so: >Zehn lange, ereignisreiche Jahre hatten Sie freie Hand für die Programme und walteten Ihres Amtes zum Wohl von Stadt und Festwochen mit Souveränität, Witz, Kompetenz und Präzision< und schreibt zudem über ihn: >...was seine überragende Qualität als Programmgestalter ausmacht...ausserdem ist er ein eigensinniger Charakter, der an sich und das Publikum hohe Anforderungen stellt. Der weitverbreitete Opportunismus liegt ihm fern; gleichwohl schafft er es durch kombinatorische Fantasie, die Hörerschaft zu gewinnen und zu überzeugen. Man kann ihm trauen und auf seine Loyalität bauen.<

Von Mariss Jansons ebenso hoch gelobt, wie von Claudio Abbado, bestätigt Alfred Brendel: >er ist ein Veranstalter, wie ich ihn in meiner langen Kenntnis des Konzertwesens oder -Unwesens kaum noch getroffen habe; seine Kompetenz, Zuverlässigkeit und Genauigkeit suchen ihres-gleichen: seine Sachkenntnis, Sorgfalt und Sensibilität, seine Integrität und Originalität, sein Einsatz für neue Musik, wie auch seine komische Ader...<

In seinen Wirkungskreisen in Freiburg, Lockenhaus und Berlin besticht der kompromisslose Einsatz für die Kunst des 20.Jahrhunderts. Dies sollte einmal das Jahrhundert der Moderne werden, so wollten es die, die schon vor dem Ersten Weltkrieg den Aufbruch der Künste verkündeten und inszenierten. Es ging ihnen um mehr als um das Neue in der Kunst. Es ging um Kultur, um die menschliche Lebenswelt, um den Menschen selbst, der den Künstlern, Philosophen und Psychologen renovierungsbedürftig erschien. Kaum eine andere Epoche hat sich selbst so beständig kommentiert, permanent Selbstbildnisse von sich entworfen, ihre historische Bedeutung und Bewegung dogmatisiert. Das Bewusstsein einer Ära von sich selbst kann aber niemals Maßstab ihrer geschichtlichen Beurteilung sein. Wer ein Porträt der Moderne auch nur andeuten will, wird ihr Selbstverständnis immer wieder brechen müssen. Dirk Naberings Umgang in Freiburg, Lockenhaus und namentlich in Berlin mit dem 20.Jahrhundert darf als gelungenes Porträt der Moderne bezeichnet werden - eines von tausend möglichen, in der Tat. Konzept und Darstellung war wie eine Ausstellung angelegt, nur die Rollen wurden vertauscht: der Betrachter zieht nicht an den Kunstwerken vorbei, sondern die Kunstwerke am Betrachter. Man konnte "per Ohr" durch ein Zeitalter flanieren. Hier wie dort aber entschieden Überlegungen zum Inhalt und zur Form über das konkrete Arrangement der Objekte. Besonders der Gesichts- punkt der Form als Organisation des zeitlichen Verlaufs galt bei Dirk Naberings Programmfolgen nie nur für die einzelnen Stücke, sondern für die Struktur von Konzerten, ja von Spielzeiten oder gar kompletten Festivals. Ihre Programme waren stets komponiert, sind Werke aus fertigen Werken; ihr Ablauf erzeugt die verschiedensten Formen: konzentrische, die um ein Mittelstück angelegt sind, korrespondierende, dialogische, in denen sich gegensätzliche Prinzipien aufein- ander zubewegen, sich treffen, oder wieder auseinander stieben; zielstrebige, die auf ein Stück hinsteuern, variationsartige, rondoartige. Strenge Symmetrie ist eine der Charateristika von Dirk Naberings "Komposition der Programme". Öfter wird man mehrere Formen über einander geblendet finden, je nach dem Aspekt, unter dem man die Konstellation betrachtet. Komponisten in der Aussenseiterrolle -nehmen wir Koechlin, Ives, Wolpe, Pettersson oder Rudi Stephan als fünf von zahllosen Beispielen- haben seinen Gestaltungswillen beflügelt.

Seine schroffe, kompromisslose Abneigung allem "Billigen und Halbseidenen und jedem Glamour" gegenüber -sei es auf künstlerischem, menschlichen oder politischen Terrain- hat ihm nicht ausschließlich Freundschaften beschert. Mit seiner Leidenschaft für Schumann, Trakl und Hölderlin hatte er sich bereits in den sechziger Jahren bei Heinz Holliger >angesteckt< . Mit den Komponisten und den einzelnen Werken der heutigen Spielfolge ebenso, wie mit den Autoren der Gedichte, hat sich Dirk Nabering ein -wiedereinmal symmetrisch angelegtes- Programm für den heutigen Abend erdacht, das wichtige Stationen seiner beruflichen Laufbahn noch einmal aufleuchten lässt und das einer Liebeserklärung eines leidenschaftlichen Veranstalters an seine Idole gleichkommt. Ihm selbst erscheint sein Berufsweg im Rückblick als eine Wanderung und als ein Suchen und er sagt, er gemahne ihn an einen Ausspruch, frei nach Luigi Nono/Antonio Machado und die Inschrift in eine Klostermauer zu Toledo: >Wanderer, es gibt keinen Weg, doch wir müssen gehen< bzw. >Wanderer, es gibt keinen Weg, Weg entsteht im Gehen<. Er habe sich einst mit Enthusiasmus auf diese lange Wanderung eingelassen, ohne aber schließlich anzugelangen. Aber auch hierfür bleibt ihm ein Zitat, in dem Fall nach Heimito von Doderer : >...daß ein jeder Weg seine eigene Würde hat und auf jeden Fall immer mehr ist als das Ziel< .

Habakuk Traber/Dieter Becker