Der Weg ist immer mehr als das Ziel. Ein Interview mit Dirk Nabering

Veröffentlicht auf von Dieter Becker

Lieber Dirk Nabering, du begehst heute hier in St. Ulrich Deinen 70. Geburtstag. Anlässlich dessen gab es gestern Konzerte in Merzhausen und Horben und heute in Sölden und St.Ulrich. Es erklingen aber keinesfalls Töne von Nono oder Bernd Alois Zimmermann oder deren Zeitgenossen, wie man es wohl erwartet hätte.Nono. Horben

Stimmt. Statt dessen spielt Thomas Zehetmair Bach. Und im Mai nimmt András Schiff den Faden auf und spielt Bach.Es geht da auch nicht >nur< um meinen 70.Geburtstag, sondern ebenfalls um mein 50jähriges Berufsjubiläum. Ich habe nämlich Ende 1966, zwei Jahre bevor ich nach Freiburg kam wo ein Nachfolger für den verstorbenen Eberhard Albert gesucht wurde, als Programmchef der Berliner Gustav-Mahler-Gesellschaft mit Programmgestaltung und dem Veranstalten von Konzerten begonnen. Und im Mai 2017, mit András Schiffs >Goldberg-Variationen<, gehe ich in den beruflichen Ruhestand. Ich habe in den letzten Jahrzehnten in Freiburg und in Berlin, und ganz gezielt in den letzten Jahren noch einmal in Freiburg, fast ausschließlich das 20. und das 21.Jahrhundert zu Worte kommen lassen. Aber zum Abschied vom Berufsleben möchte ich dann doch >zurück zu den Wurzeln< : und habe mir Bach gewünscht.
Und, ohne mein Zutun, kam es dann doch noch anders: nachdem Thomas Zehetmair die sechs Bach-Sonaten/Partiten aufgeführt hat, gab er uns heute, nach dem letzten Bach, jenen Satz aus der Solosonate des Bernd Alois Zimmermann als Zugabe, der sich thematisch auf Bach bezieht - wie er es ankündigte: ein Musikstück eines Komponisten, den wir beide so sehr verehren, als Geschenk an mich. Das hat die Hörerschaft, und mich im Besonderen, sehr berührt.

Der in einem Programmheft veröffentlichte, sowie hier an späterer Stelle wiedergegebene Text von Habakuk Traber und mir ("DN's Komposition der Programme") gibt Auskunft über jene Komponisten, die Dir in besonderer Weise ans Herz gewachsen sind - nämlich: von Biber und Bach, von Haydn und Schubert über Schumann, Mahler und Janácek bis hin zu Rudi Stephan, Bernd Alois Zimmermann, Nono und deinem Freund Kurtág - die genialen Aussenseiter Ives und Varèse nicht zu vergessen. Deshalb frage ich heute mal nach etwas anderem: Welche Deiner Eigenveranstaltungen hast du als ganz aussergewöhnlich in der Erinnerung behalten?

Da könnte ich lange reden! Die Darstellung des 20. Jahrhunderts bei den Berliner Festwochen im Jahr 2000, die aus 90 (!) Konzerten - 90 Komponistenportraits - bestand, sollte ich wohl an erster Stelle nennen.Das Bach-Cello-Fest in Freiburg 1986, zu dem Meneses, Yo Yo Ma, Pergamenschikow, Despalj, Schiff und Geringas gleichzeitig für mehrere Tage in Freiburg weilten (konzertierend und unterrichtend), bleibt unvergesslich. Ebenso der Zyklus des GESAMTwerkes von Gustav Mahler bei den Berliner Festwochen 1999 mit den Berliner- und den Wiener Philharmonikern, und mehrere Rudi-Stephan-Schwerpunkte. Ich möchte aber auch einige Abende großer Kammer-Ensembles nennen: jene vom Prager Smetana Quartett, dem Guarneri- und dem Juilliard Quartett in früher Besetzung, Konzerte des unvergleichlichen Beaux Arts Trios. Nicht weniger ergreifend als die ganz großen Streichquartette galten mir stets das Klavierquartett >Quartetto Beethoven di Roma< und, ganz oben an, das Wiener Streichsextett.

Gibt es so etwas, wie >Lieblings-Musiker< für Dich ?

Auch wenn der Begriff nicht gut klingt - natürlich ja; da zähle ich einfach mal auf: David Oistrach ganz vorn an, ihn zeichnete das aus, was den meisten Menschen heute fehlt: Würde. Dann Claudio Arrau mit seiner großen Ruhe und Eleganz, Claudio Abbado (von allen Dirigenten habe ich mit ihm am meisten und angenehmsten gearbeitet und 53 Konzerte unter seiner Leitung veranstaltet), Mariss Jansons, Alfred Brendel, Rudolf Serkin - seine Schüchternheit stand in bemerkenswertem Gegensatz zu seiner starken Bühnenpräsenz; Svjatoslav Richter, dem alle Mittel zu leidenschaftlichem musikalischen Ausdruck zur Verfügung standen, András Schiff, Thomas Zehetmair, und  besonders schöne Kammermusikerlebnisse hatte ich auch mit zwei wundervollen japanischen Musikerinnen, der Bratscherin Naoko Shimizu und der Geigerin Sayako Kusaka.

Du bist seit deinem 15. Lebensjahr von Musik gefangen genommen. Welche Erlebnisse sind es denn, die Dich, von Deinen eigenen Veranstaltungen einmal abgesehen, noch bis heute stark bewegen ?

Dazu zähle ich meine ersten Hör-Erlebnisse mit den Dirigenten John Barbirolli mit dem ihn charakterisierenden Gegensatz zwischen Selbstsicherem und Sich-in-Frage-Stellendem, Otto Klemperer mit seiner starken Persönlichkeit und viel künstlerischem und persönlichem Biss, Jewgeni Mrawinski mit seiner totalen Verinnerlichung, seiner skizzenhaften musikalischen Sprache und seinem dennoch erlebnisreichen Perfektionismus; später Opern-Sternstunden dank Carlos Kleiber mit all seiner riesigen Emotionalität - Kleiber, der sich nie Anbiedernde. Und auch Begegnungen mit dem künstlerisch unbestechlichen Geiger Josef Szigeti und dem eleganten Pianisten Rubinstein. Elman habe ich einmal, Francescatti vielfach, gehört. All diese haben meine Hörfähigkeit geschärft und in mir eine unbestechliche Kritikfährigkeit reifen lassen. Aber nicht nur Konzerte und Opernaufführungen lösten in meiner Vergangenheit starke Emotionskraft aus. Theateraufführungen (Georg Büchner und Garcia Lorca stechen in meiner Erinnerung als Autoren heraus. Rudelverhalten, Brutalität, Erniedrigung, Demütigung, sozialer Ausschluß in Büchners Woyzeck zeitigt damals wie heute gleiche Gültigkeit !), zahllose Momente, vor großen Werken der Malerei oder vor epochalen architektonischen Werken der Baukunst zu stehen, haben mein Leben in vergleichbarer Weise geprägt, wie die Musik.

Sicherlich gibt es auch mehrere große Musiker, die Du nie >live< hören konntest, und die dennoch starke Eindrücke bei dir hinterlassen haben ?

Als Erster ist's Furtwängler, der musikalisch Unbeirrbare! Auch die Dirigenten Václav Tálich und der kompromisslose Mitropoulos. Der Geiger Adolf Busch mit seiner geschmacklichen und tonlichen Polychromie und der Pianist Artur Schnabel gehören dazu. Und natürlich der große Bronislaw Huberman. Bei meinem Vor-Vorgänger Ernst Harms, dem Vorgänger Eberhard Alberts, hat nicht nur Huberman 1916 in Freiburg gastiert - auch seine Kammermusikpartner in den Brahms-Trios (Wien 1933) spielten bei Harms: Arthur Schnabel 1910 und 1918, Pablo Casals 1910 (Anmerkung: siehe Bronislaw-Huberman-Forum, befindet sich in der Gründungsphase; Mitbegründer Alfred Brendel, Gidon Kremer, Dirk Nabering, András Schiff, Thomas Zehetmair. D.B.)  Furtwängler, wie auch die Brüder Busch, waren regelmäßige Gäste bei Ernst Harms - welch eine Zeit ! 

Gibt es  Schallplattenaufnahmen, die für dich  geschmacksprägend waren ?  

Durchaus. Viele sogar. Stellvertretend möchte ich die Uraufführung des 2.Violinkonzerts von Bartók mit Székely und Mengelberg nennen (Live, Amsterdam 1939), auch einige, aber nicht alle der Mitropoulos-Aufnahmen von Mahler-Symphonien. Und Bruckners V. und VIII. unter Furtwängler.

Kannst Du EIN Lieblingsinstrument nennen?

Wenn es wirklich nur eins sein darf, dann ist's das Cello. Von allen Cellisten habe ich am häufigsten und am liebsten mit Yo Yo Ma gearbeitet, den ich auch persönlich ungeheuer schätze.

Welche Künstlerpersönlichkeiten, die Du persönlich kennenlernen durftest, haben Dich, Dein Berufsleben und Deine musikalische Geschmacksbildung am nachhaltigsten beeinflusst ?

Ohne lange nachzudenken: Heinz Holliger. Er, seine Persönlichkeit, sein Wissen in allen Gebieten der Kunst und sein Musizieren haben mich geformt. Auch die Begegnungen mit Nono waren wichtig. Nono hat sein großes, für Gidon Kremer geschriebenes, abendfüllendes Werk >La lontananza nostalgica utopica futura< bei uns im Horbener Haus vollendet. Und er hat  wohl auch behauptet, daß  DEiN Wein der beste  Weißwein sei, den er je getrunken habe? Naja, zu Übertreibungen hat Nono ja stets tendiert - ich baue einen höchst einfachen, extrem trockenen Gutedel an und aus. Aber das nur am Rande erwähnt. Damals kannte ich Nonos >Prometeo< noch nicht, von dem er bei unseren Zusammentreffen in seinem wie die Sonne brennenden Enthusiasmus oft schwärmte. 
Es gibt aber noch etwas, was mich stark geprägt und beeinflusst hat: das ist meine mehr als ein Jahrzehnt andauernde Arbeit beim >Kammermusikfest Lockenhaus<. Meine Repertoire-Kenntnis, meine späteren Fähigkeiten, Probenphasen sinnvoll zu planen und Kammermusikensembles optimal zusammenzusetzen, habe ich durch Gidon Kremer und sein wunderbares Lockenhauser Kammermusikfest erlernen dürfen.
Einen weiteren GK darf ich hier nicht vergessen: Georg Kreisler, den ich für einen der wundervollsten Musiker halte. Durch persönliche Begegnungen, durch seine Musik und durch seine Texte habe ich gelernt: "Wahrheit" hat keinen Bezug zu Wahrhaftigkeit. Wahrheit wird bestimmt durch den Nützlichkeitsgehalt ihrer Aussage..."

Ich möchte dich noch nach (höchstens) drei persönlichen Begegnungen fragen, die dich nervös, sagen wir mal, knieweich, gemacht haben.

Drei ? Dann nenne ich meine Treffen mit drei großen >Schaffenden< : mit Schostakowitsch 1968 in Moskau, mit Oskar Kokoschka 1972 am Genfer See - beides dank und mit David Oistrach - und mit Ernst Jandl 1998 in Berlin.

Du hast fast 12 Jahre als Musikchef die Berliner Festwochen geleitet, 10 Jahre davon während der Intendanz des von Dir so verehrten Ulrich Eckhardt. In diesen Jahren hattest Du die Möglichkeit, Kompositionsaufträge an wesentliche Komponisten zu vergeben - die dann immerhin in zahlreichen Fällen von keinen Geringeren als den Berliner Philharmonikern, oft gar unter Claudio Abbados Leitung, ihre Uraufführungen erlebten. Du hast, gemeinsam mit Christoph Poppen, das Kammermusikfest des ARD-Wettbewerbs gegründet und es sieben Jahre hindurch künstlerisch geleitet. Über Deine Arbeit beim Kammermusikfest Lockenhaus, bei dem Du >Gründungsmitglied< warst, hatten wir bereits geredet. 1968, nach dem Tod des Buchhändlers und Konzertveranstalters Eberhard Albert, hat Dich seine Witwe als Leiter der >Albert Konzerte<, auf Empfehlung Dietrich Fischer-Dieskaus hin, nach Freiburg bestellt. Annemarie Albert hat Buchhandlung und Albert-Konzerte in den siebziger Jahren überraschenderweise an das Unternehmen >Rombach< verkauft. Wenn ich recht informiert bin, war die Zusammenarbeit zwischen dem damaligen Firmenchef Fritz Hodeige und Dir eine fruchtbare und exemplarische. Später bist Du zu einem Drittel Mitinhaber (Gesellschafter) der Albert-Konzerte geworden. Zwischen den Nachfolgern des Fritz Hodeige und Dir gab es keine Harmonie, was verständlich sein mag wenn man weiß, in welcher unklugen Weise Du in der Lage bist, Deine Verachtung zum Ausdruck zu bringen. Im Jahr 2010 kam es zum Bruch zwischen Dir und Deinem Mitgesellschafter Rombach. Seit 2010 liegt die Planung der Albert-Konzerte, die sozusagen >Dein Lebenswerk< war, in anderen Händen. Wie schätzt Du das Programm der Albert-Konzerte, sagen wir zwischen 2011 und heute, ein ?

Ich bin nun wirklich der Letzte, der sich zu dieser Frage äussern sollte! Ich denke nicht im Entferntesten daran, darauf zu antworten.

Hat Dich Dein >Aus< bei Albert betrübt? Was hat Dich in dem Zusammenhang am meisten betroffen gemacht?

Ich denke, das war ein Artikel vom Januar 2010 in der Badischen Zeitung, der von Alexander Dick unterzeichnet war. Ausserdem ein Brief von A. Dick, der in der Freibuger Musikszene als >Der Brief an Frau M.<  (gekürzter Name) benannt wurde, der ungeheuerliche Behauptungen über mich enthält. Kafkas >Brief an den Vater< hat doch immerhin Geschichte gemacht, so gesehen ist Herr Dick in guter Gesellschaft. Aber Spass beiseite. Ich habe deshalb nach geraumer Zeit einen kurzen Brief an Alexander Dick gerichtet in dem ich ihn um ein persönliches Gespräch bat. Das hat er, aus meiner Sicht in krassem Gegensatz zu den Gepflogenheiten im ernstzunehmenden Journalismus, begründungslos abgelehnt.

Wäre ein solches Gespräch denn für dich wichtig gewesen? Beziehungsweise: warum? Was hättest Du im Gespräch mit ihm erörtern wollen ?

Ich hatte drei, vier aus meiner damaligen Sicht brennede Frage vor, ihm zu stellen und ihm dabei Aug' in Auge gegenüber zu sitzen.

Welche Fragen wolltest Du ihm stellen?

Das sind Gewissensfragen an Herrn Dick, die ich hier in der Öffentlichkeit nicht in aller Tragweite wiedergeben möchte und kann, auch aus formal-juristischen Gründen. Aber sie stehen in Zusammenhang mit Fragen, die in der Freiburger Musikwelt grassierten - beispielsweise, ob der Artikel über mich, vom Januar 2010, und ob >Der Brief an Frau M.<  "Auftragswerke" waren, oder ob nicht. Stehen auch im Zusammenhang mit der damals einsetzenden Autorentätigkeit der Ehefrau des Herrn Dick, Sabine Frigge, beim Verlag Rombach.
Leider hat mir Alexander Dick niemals die Beantwortung meiner Fragen, die selbstverständlich rein subjektiv formuliert wären, eingeräumt. In der Zwischenzeit ist mir das gleichgültig.

Ich möchte zurückkommen auf die Planung und Ausrichtung von Konzertveranstaltungen, denn das war fünf Jahrzente hindurch Dein Lebensinhalt. Die Musikbranche kennt dich als jemand, der stets höchste Ansprüche einfordert und der seine Arbeitsinhalte mit kompromissloser Strenge durchsetzt. Kannst Du mir und unserer Zuhörern und Lesern ein Bild zeichnen, wie für Dich vorbildliche Konzertplanung aussieht ?

Das Wichtigste : Nichts darf dem Zufall überlassen werden. Für mich gibt es nicht die Planung >eines Konzerts<. Ich sehe ein Konzert im Kontext einer Serie oder eines Festivals, im Idealfall eine Serie sogar als nur einen Teil eines großen,weitgespannten dramaturgischen Gedankens. Ich habe versucht -nicht immer kann es gelingen- eine Spielzeit in Freiburg oder ein Festival in Berlin als inhaltlichen Teil mehrerer auf einander bezogener Spielzeiten, mehrerer Festivals zu sehen und zu gestalten. Kompromisslosigkeit in der künstlerischen Ausrichtung, nie versiegende Neugier, unbeirrbar, unbestechlich und uneitel seinen Weg als Grenzgänger zu beschreiten, sind Tugenden, die mir für jemand, der Musik und Kunst vermitteln darf, unabdingbar scheinen. Künstler zu bewegen, ihren Repertoire-Radius neu zu dimensionieren, war und ist mir stets ein Anliegen.
In die priviligierte Arbeit eines Programmgestalters eine gute Portion Humor einfliessen zu lassen, scheint mir ebenso angebracht, wie das Geheimnis, bescheiden zu bleiben und sich nicht anzubiedern. Gestalte man den Konzertsaal als einen Ort, der ausschließlich der Kunst dient, nicht dem Kommerz! Im Übrigen war es mir stets gleichgültig, ob ich für altmodisch oder ob ich für modern gehalten wurde. Wahrscheinlich hilft's mir auch, daß ich von jeher der zweitstrengste Kritiker meiner eigenen Arbeit war und bin (strengster Kritiker meiner Arbeit und meiner Person, und dafür danke ich ihr von Herzen, ist meine Ehefrau Maija).
Zusammengefasst: Eine Spielzeit oder ein Festival bedürfen einer Leitlinie, einer inhaltlich und künstlerisch klugen Ausrichtung, einer Unverwechselbarkeit. Es gibt unzählige Wege der thematischen Ausrichtung, aber klar erkennbar soll diese sein.

Wie sieht für Dich Konzert- und generell "Kultur"planung aus, die Deinem Gefühl und die Deiner Idee von von Kunstvermittlung widerstrebt ?

Wie oben gesagt: nichts soll dem Zufall überlassen sein. Ich verabscheue und verachte jede Art von Opportunismus die sich verkleidet als Kunstvermittlung  ausgibt und die der Beliebigkeit anheim fällt. Planung >künstlerischer Inhalte<, die sich auf das Buchen von Terminen, ohne inhaltliche nachvollziehbare Werte beschränkt, selbst und gerade, wenn sie dem Publikumsgeschmack folgend, >große Namen< bucht - das kann, bei einem Spielplan ohne inhaltliches Konzept und ohne dramaturgische Linie, eine jede pfiffige Sekretärin recht gut hinbekommen. Viele der für Kunstpräsentation heute Verantwortlichen, also Intendanten, Veranstalter, Politiker und Pressevertreter, stromlinienförmig-umgängliche Akteure, verdrängen die Musik und die Kunst auf hintere Ränge bloßen Zeitvertreibs, vermitteln, daß Kunst, also auch Konzerte, in die Dienste eines gewissen Sozialprestiges geraten, tragen Sorge, ihre >Kunstprodukte< leicht und sofort zugänglich zu gestalten. Hinter ihnen stehen oft mächtige Institutionen oder Unternehmen, deren einziger Wert, den es noch gibt, vom Markt bestimmt ist. Angepasstheit, postmoderne Orientierungslosigkeit und die Mehrung des Wachstums und des eigenen Wolhlstandes sind programmiert und mit Musik und Kunst kann man sich wundervoll schmücken, wenn sich Hochkultur mit Status verbindet. >Niemals war die Macht des Geldes so groß, so anmaßend, so egoistisch, wie heute< (Stéphane Hessel) - unter Verantwortung der >ökonomischen Betrachtungseise des return of investment<. "Dramaturgie" und Repertoire beugen sich gnadenloser, kapitalmarktgetriebener und renditeorientierter Wirtschaft. Nicht nur in Deutschland. Diesen Wertewandel, aus dem Veranstalter und Feuilletonisten mit Willkür hemmungslos >Wachstum< rekrutieren und in deren wohlgeöltem Betrieb Musikkonsumenten zu Kulturflaneueren mutiert werden, verachte ich. Die Generation heut' ist korumpierbar: man entscheidet sich für raschen Erfolg und Sicherheit. Johannes Wasmuth im Bahnhof Rolandseck, so lange ist's noch garnicht her daß er starb, war für mich eine Idealfigur in der Veranstalterlandschaft. Wie weit hat sich der "Betrieb" heute von seinen Tugenden entfernt ! Wie eitel und oft lächerlich steht der Kulturbetrieb mit seiner heiligen Kuh >Wachstum<, in seinen Entgrenzungen und Enthemmungen, heute da!
Wen wundert's dann, wenn unsere Theater, Opernhäuser und Konzertsäle belümmelt werden von jenen Neureichs, die mit hörnerner Gleichgültigkeit und Ohren von Eisen auf die großen Kunstwerke losgehen.

Zwei geniale Interpreten-Komponisten, Heinz Holliger: Komponist, Dirigent und Oboist und Jörg Widmann: Komponist und Klarinettist, wurden in Deinen Programmen schwerpunktmäßig berücksichtigt, jahrelang. Seit wann und warum ?

Sie sind maßstabsetzende Künstler. Mit Holliger verbindet mich Freundschaft und Zusammenarbeit seit 1969, mit Jörg Widmann seit 1999 - da war er noch keine Berühmtheit. Beide haben in meiner Albert-Zeit, bei den Berliner Festwochen, später auch wiederholt bei den >NaberingKonzerten< gewirkt - als Interpreten und als Komponisten. In der hiesigen Zeitung wurden sie, wenn sie in der Rombach-eigenen Albert-Reihe auftraten, mit den schönsten Prädikaten bedacht: >einer der innigsten und gleichzeitig bewegendsten Albert-Konzertabende...überirdisch, nicht von dieser Welt..." ( zu Holliger ). "Unüberbietbar fein - Klänge wie von einem anderen Stern...beinahe nicht mehr zu atmen wagte" ( zu Widmann ). Das zweifle ich nicht an - bei meinen Veranstaltungen, nehmen wir den 19.März 2016 als ein Beispiel, in der Holliger unter anderem zwei eigene Erstaufführungen spielte und in der es eine Widmann-Uraufführung gab, sah das schon etwas anders aus. Es gab nämlich GARKEINE Berichterstattung von dem Konzert. Es saß auch kein Zeitungsschreiber in der Veranstaltung. Folglich auch kein solcher, der beinahe (!) nicht mehr atmete..

Bis vor wenigen Tagen konnte man in Freiburg eine Ausstellung über den >Deutschen Widerstand gegen die NS-Diktatur< sehen, die Du aufgebaut und veranstaltet hast, und zu der Du ein 12-teiliges Rahmenprogramm unter dem Motto >Verfolgung, Widerstand, Exil" zusammengestellt und durch eine eindrucksvolle Drucksache erläutert hast. Wie kam es zu diesem Projekt?

Ich hatte die Idee im Herbst 2016, nach erneuter Lektüre der beiden Bücher der Ruth Andreas-Friedrich, >Schauplatz Berlin< und >Der Schattenmann<, entwickelt. In erstaunlich kurzer Zeit bekam ich von mehr als 40 Musikern, die ich angeschrieben hatte, Zusagen, bei dem Projekt unbezahlt mitzuwirken. Nicht ganz so einfach war es, in Freiburg eine Institution zu finden, die die Ausstellung über den Deutschen Widerstand in ihre Räumlichkeiten aufnehmen wollte. Der SWR fand das Thema nicht verwertbar, das Evangelische Dekanat antwortete erst garnicht und vom Leiter des "Kulturamtes" der Stadt wurde meine Anfrage, in der von dieser Adresse bekannten >Überheblichkeit auf provinziellem Niveau<  (Zitat) nicht etwa an den Oberbürgermeister, sonder an eine >Elternzeitvertretung< deligiert, die nach einigen Wochen dann ihre Ratlosigkeit signalisierte. Nicht alle Absagen waren so fantasielos wie jene des Musikhochschul-Rektorats, das sich auf Brandschutzvorschriften berief. Die drei Schirmherren des Projekts (Alfred Brendel, Bruno Ganz, Michael Krüger) haben mir sehr dabei geholfen, die Unternehmung in weiten Kreisen publik zu machen.
Die Volkshochschule Freiburg und, insbesondere, das Wentzinger Gymnasium haben beispielhaften Einsatz geleistet. Ohne sie wäre die Realisierung meiner Idee gescheitert.

Über die 13 Veranstaltungen zum Thema >Der Deutsche Widerstand gegen die NS-Diktatur< bzw. >Verfolgung, Widerstand, Exil<, wie auch über die sieben April-Konzerte des Festes >Bach & Barock< ( mit Jens Peter Maintz, Pirmin Grehl und Thomas Zehetmair ), über ALL diese 20 Veranstaltungen Deines >Festival Pro< also, gab es nicht eine einzige Nachbesprechung in der Badischen Zeitung. Wie kommt so etwas zustande?

Diese Frage sollte der Zeitgungsleser nicht mir, sondern Herrn Alexander Dick und/oder seinen auftraggebenden Vorgesetzten, also Herausgebern  bzw. Verlegern, stellen.

Wird die Ausstellung >Weiße Rose<, verknüpft mit einem ähnlichen Rahmenprogramm, in weiteren Städten zu erleben sein?

Das weiß ich noch nicht. Ich bin mit einer Institution in Berlin darüber im Gespräch.

Zum Ende etwas ganz anderes. Welchen Stellenwert hat Musikkritik für Dich ganz generell?

Wenn Musikkritik konstruktiv ist, kann sie sinnvoll sein. Stuckenschmidt war ein Musikkritiker, der über Können, Geschmack und große Kenntnisse verfügte. Er hatte bei Rufer studiert. Einem Könner wie ihm steht die Möglichkeit offen, junge Komponisten, Dirigenten und Virtuosen auf sinnvolle Weise zu fördern. In meinen vielen Berufsjahren sind mir viel zu oft, in allen Bereichen der Kunst, solche "Kritiker" begegnet, die ihre eigene Macht und die Macht ihrer Herausgeber und Verleger zu Feldzügen gegen Ungeliebte(s) oder gegen Andersdenkende ver(sch)wenden. Viel besser als jede Musikkritik dünkt mich Georg Kreislers genialer Titel >Der Musikkritiker<. Genial als Text, genial als Musikstück.
Wenn ich Stuckenschmidt erwähne, möchte ich auch über die krasse Kehrseite ein Wort verlieren. Man denke an die Macht der Päpste in alter Zeit, die sich als "Musikkritiker" sahen. Palestrinas Schicksal ist nur ein Beispiel. Groteskerweise spielte sich ausgerechnet Josef Stalin zum Musikkritiker, mit durchschlagender Kraft, auf. Mein Veranstaltungszyklus >Verfolgung, Widerstand, Exil< berichtete davon. Oder denken wir an Schostakowitsch. Stalin verlässt in mitten der Aufführung einer Schostakowitsch-Oper demonstrativ das Opernhaus. "Fortan gilt Schostakowitsch als zum Abschuss freigegebener Mann" (J. Barnes). Tatsächlich folgte die Moskauer und Petersburger Presse, ohne Ausnahme, dem unaugesprochenen Befehl Stalins. Schostakowitsch war >erledigt<. Und das namentlich bei der Presse, die ihn noch am Vortrag als Genie feierte. Noch einmal J. Barnes:
>Hier ging es nicht um einen Verriss, der von einem Kritiker unterzeichnet war, dessen Meinung sich je nach Wochentag oder Verdauungszustand ändern konnte. Dies war ein Leitartikel der Prawda, kein flüchtiges Urteil, sondern eine Grundsatzerklärung von höchster Stelle. Mit anderen Worten, ein >Evangelium<.
Vergleichbares fanden/finden wir weltweit. Auch im Taschenformat...

Du erwähnst zweimal Barnes. Teilst Du die begeisterten Meinungen über sein Buch?

Nein. Ich finde es platt, schlecht, 'ranschmeisserisch. Aber einige Zitate sind doch treffend.
Ein deutlich besseres Bild über Josef Stalin als >großen Kunstexperten< zeichnet Vladimir Nabokovs Erzählung >Tyrannenvernichtung< (1938).

Schließlich: Zum Tode deines Freundes Heinrich Schiff hast Du für die Herausgabe eines umfangreichen CD-Portraits Sorge getragen. Ist das so etwas wie ein Vermächtnis?

Ich halte Heinrich für einen Musiker von großem Wissen, Können und Geschmack. Sein Umgang mit den Noten war sensibel, der Werktreue verpflichtet und respektvoll. Dennoch vital, virtuos und phantasievoll. Ich habe über 300 Stunden Musik  -seine unveröffentlichten   Konzert- und Radioaufnahmen-  angehört und schließlich eine Sammlung von 17 CDs zusammengestellt. Durch diesen Versuch soll eine Freske seiner Persönlichkeit und damit ein elektrisierender Bezug auf den Zuschnitt seiner künstlerischen, gesinnungsadeligen Figur gezeichnet werden.

Ein Interview mit Dieter Becker. Alle Antworten Dirk Naberings entsprechen ausdrücklich seiner subjektiven Meinung.

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