Agogische Strenge

Veröffentlicht auf von Hiroko

Auszug aus einem Interview vom September 1993 im SFB Berlin
Redakteurin Cornelia Schönberg im Gespräch mit
Dirk Nabering, dem Musikchef der Berliner Festwochen.

CS: kommen wir auf das Thema Strenge, das Sie seit Jahren bewegt.

DN: mein wahrscheinlich wichtigstes Plädoyer bei der Interpretation von Musikwerken gilt einer kompromisslosen Strenge in der Agogik. Ich bedaure, dass diese Strenge bei der jüngeren Generation noch so hervorragender Instrumentalisten weniger und weniger wesentlich in deren Aufführungspraxis zu sein scheint. "Strenge" schliesst für mich im Übrigen nicht gewisse agogische Freiheiten  -am richtigen Platz, in vertretbarem Ausmaß-  aus.
Als Opfer unredlicher agogischer Maßstäbe sucht man sich besonders gern Robert Schumann aus. Agogischem Unsinn sind besonders gern auch Chopin -leider der arme Mendelssohn fast ebenso- ausgesetzt. Auswüchse solcher Art werden dann ganz besonders gern als "musikalischer Ausruck" oder als "Verkörperung der romantischen Idee" verkauft. Mir geht es da garnicht nur um die große Geste - auch die kleinste Übertreibung kann zur Geschmacklosigkeit verkommen.

CS: Welche Musiker sind für Sie die guten Beispiele Ihrer Auslegung der agogischen Strenge?

DN: Uneingeschränkt die Pianisten Rudolf Serkin und Horszowski, bedingt Arrau und Arthur Rubinstein. Bei Streichern nenne ich in erste Linie David Oistrach und Heinrich Schiff.

CS: Und keine Dirigenten ?

DN: doch, doch, das hab ich jetzt vergessen. In besonderer Weise Karl Böhm und Otto Klemperer (wenn diese beiden Namen auch sonst garnicht gut zueinander passen), und Mrawinski. Mit kleinen Einschränkungen auch Josef Krips, Mitropoulos, beide Kleibers, Carl Schuricht und      Abbado  (hoffentlich hört er nicht gerade zu..!!.. aber, naja, er kennt ja meine Einstellung hierzu). Habe übrigens außer Mitropoulos und Erich Kleiber all die Genannten wiederholt persönlich erlebt.

CS: Zurück noch einmal. Konkreteres zu Schumann?

DN: Die Musik für Klavier solo ist am meisten von unlauterem Artikulieren betroffen. Aber auch das a-moll-Konzert ! Hören Sie sich mal zehn Einspielungen an. Mich überzeugt, ausser jener von Rudolf Serkin, Philadelphia 1964, keine. Viele bringen mich eher in Rage. Selbst Genies à la Richter (1974 mit Matacic) oder Myra Hess (London 1937) gehen mir völlig gegen den Strich - erstrecht jene des von mir verehrten Alfred Brendel ( 1979, London, Abbado ), bei der mir das zeitgleich aufgenommene hinreissende f-moll-Konzertstück Carl Maria von Webers als einziger Wermuthstropfen dient. Die agogischen Vergehen empfinde ich überwiegend im ersten, ansich auch im zweiten Satz. Der dritte Satz erlaubt in/an sich nicht so viele Faxen.

CS: Sie haben sich dieser Frage seit langer Zeit gewidmet und haben mir in unserem Vorgespräch verraten, daß Sie sogar mit einigen Musikern über das Thema korrespondierten !

DN: ja, ja, mit vielen habe ich darüber gesprochen, mit einigen gar korrespondiert. Wie wir schon vorher sagten - ich möchte gern drei dieser Antworten zitieren:
David Oistrach:
...>nie sollst du übertreiben<  könnte ich allen grossen Komponisten in den Mund legen und glaube, dass ich nicht noch ausführlicher auf deine Frage antworten muß !...<
Rudolf Serkin:
...>die Frage der Feinheit von Agogik ist für mich eines der wichtigsten Themen bei der Auslegung der Kompositionen von Bach bis Schönberg - ganz unbedingt. In meinen ganz alten Aufnahmen höre ich schlimmerweise an einigen Stellen, welche Fehler ich in alten Jahren begangen habe... Alles Liebe und Gute hinüber zu Maija und Ihnen, Euer Rudi<
Claudio Abbado:
...>weiss nie bei dir, ob du im Spass oder Ernst fragst. Natürlich Strenge ist oberstes Gesetz. Tempo, Geschmack, Agogik. Ist doch kein Zweifel... Claudio<....
 

 

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